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Familien-Erinnerungen
Nicht ein Monat verging nach der Veröffentlichung meiner Webseite und da purzelten auch schon die ersten Familien-Er- innerungen aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges in meine Mailbox.
Ich muss doch feststellen, dass es zur Geschichte meiner Familie während der Kriegs- und der Nachkriegszeit einiges zu berichten gibt.
Beginnen möchte ich mit einem selbstkritischen Text aus der Feder eines meiner Familienangehörigen. Er wurde für das Buch eines deutschsprachigen belgischen Historikers über die "Säuberung" in Ostbelgien eingesetzt (weitere Informationen zum Thema "SÄUBERUNG" IN OSTBELGIEN findest du auf meiner Webseite) und schreibt einige Familien-Erinnerungen nieder, die wohl in vielem exemplarisch sind für das, was damals geschehen ist und was armen Familien während der Nazi-Herrschaft angetan wurde.
Die im Text auftretenden Personen sind größtenteils Familienangehörige, deren Namen und Herkunft ich aus Gründen der Dis- kretion ausgeklammert habe. Ansonsten wurde der Text fast integral übernommen und in keiner Weise abgeändert. Dem Autor sei Dank für die Bereitstellung dieses Textes!
Ich bin Jahrgang 1946. Insofern konnte ich kaum ein Akteur in dem sein, was manche heute die „Säuberung“ nennen. Der Begriff Säuberung für die Umschreibung der unmittelbaren Nachkriegsjahre erscheint mir etwas fragwürdig. Mir haben sich die Kindheitsjahre eher als „bleierne Zeit“ eingeprägt. Um über meine Gefühle und Erfahrungen aus jener Zeit zu berichten, muss ich etwas weiter ausholen und zunächst meinen familiären Hintergrund schildern. Das ist bei vielen Zeitzeugen relevant, weil der Rückgriff auf den Krieg und die Vorkriegszeit das historische Urteil entweder trübt oder schärft.
Meine Eltern haben nur ganz sporadisch aus Krieg und Nachkriegszeit erzählt. Wie in den meisten ostbelgischen Familien war das Thema tabu. Als mein Sohn seine Großmutter von 80 Jahren für eine Schularbeit nach ihren Kriegserlebnissen befragen wollte, hat sie jede Auskunft verweigert, weil die für fremde Augen und Ohren bestimmt wäre. Ich habe mir selber erst nachträglich und bruchstückhaft ein Bild machen und ein Urteil bilden können.
Mein Vater ##### wurde 1907 als Sohn von ##### geboren. ##### war ein Kleinbahnschaffner aus Aachen, der an der Endstation seiner Linie in Eupen eine #####, die aus einer Weberfamilie stammte, kennen lernte, 1906 ehelichte und sich in Eupen niederließ. Den Anschluss seiner neuen Heimat an Belgien im Jahre 1920 hat er als kleiner, aber standesbewusster preußischer Beamter nicht verwunden. Er sympathisierte mit den politischen Kräften, die die Rückkehr an das Deutsche Reich forderten. (...). In einer Kiste fand ich in seinem bescheidenen Nachlass „Das Volksbuch vom Hitler“, ein Werk von Hitlers Leibfotografen Heinrich Hoffmann. Es zeigte angeblich einen „unbekannten“ Hitler. Ich erinnere mich sehr genau an ein Bild, das den Führer kniend in der hintersten Bank einer leeren Kirche zeigte. Mein Großvater war ein frommer Mann, Mitglied der Bruderschaft vom kostbaren Blut, und das Bild wird seine Wirkung nicht verfehlt haben.
Der Großvater mütterlicherseits war aus einem anderen Holz geschnitzt. ##### und seine Frau ##### geborene ##### stammten als alten Bauernfamilien im Butterländchen. Sie erwarben das einsame Gehöft Corney bei Eupen. ##### war nicht nur von seiner äußeren Erscheinung her ein wahrer Patriarch. Zeitlebens schickten seine Töchter jeder Wortmeldung ein ehrfurchtsvolles „D’r Vadder hat gesaat,“ voraus. Da er auf einen Knecht und eine Magd zurückgreifen konnte, galt er als „Härebu’r“ (Großbauer). (...). Wie alle neubelgischen Mandatare war er anfangs „deutschnational“. Er hatte schließlich im 1. Weltkrieg für Kaiser und König in Russland gefochten. Als er 1933 die Rede des neuen Reichskanzlers Adolf Hitler las, verkündete er seinen Nachkommen bei Tisch: „Kainder, no sönd wer Belger“. Er hatte instinktiv verstanden, wer Hitler war, und was er wollte: Krieg.
Meine Eltern lernten sich in der Amtsstube des Notars ##### kennen. Mein Vater war dort Sekretär des Notars, die Mutter ##### Büroangestellte. ##### stammte aus Montzen, also aus „Altbelgien“, und galt als einflussreicher Organisator und Strippenzieher der „probelgischen“ Kräfte, die die Rückführung der Ostkantone nach Deutschland entschieden bekämpften. Obwohl mein Vater als junger Bursche ein Stipendium für ein Aachener Gymnasium erhalten hatte, war er damit als „Probelgier“ abgestempelt. Am 11. Mai 1940 musste ##### Hals über Kopf flüchten und untertauchen, um sein Leben zu retten.
Der 11. Mai 1940 verdeutlicht die innere Zerrissenheit vieler ostbelgischer Familien. Der eine Großvater wird den durchziehenden deutschen Truppen zugejubelt haben, während sein Sohn als belgischer Frontsoldat am Albertkanal den deutschen Angriff abwehren sollte. Der andere Großvater musste als „Volksverräter“ im Gemeindehaus seinen Platz räumen. Seinen Söhnen sagte man, man werde ihn später daheim noch in seiner Unterhose abholen. Als das belgische Heer sich bei Antwerpen auflöste, kehrte mein Vater in einem Gemüsetransport versteckt nach Eupen zurück. Im Sommer 1940 schien der Krieg zu Ende und Deutschland hatte offensichtlich gesiegt. Dennoch schien es ihm nicht sinnvoll, „reumütig“ heim in Reich zu kehren, obwohl das sicherlich der Wunsch seines Vaters war. Er zog es vor, sich als Gerichtsvollzieher im besetzten Verviers niederzulassen, wo die Lage der Bevölkerung viel prekärer war als im benachbarten Eupen, das zum Reich gehörte. Meine Eltern wohnten in der Rue du Centre. (...). Meinem Vater ist es nie in den Sinn gekommen, dies nach dem Krieg als aktiven Widerstand auszulegen, obwohl es ihm manche Vorteile verschafft hätte.
Als die Großmutter ##### erkrankte und bettlägerig wurde, zog meine Mutter zurück ins Elternhaus, um sie zu pflegen. Ihre beiden Brüder waren 1942 zur Wehrmacht eingezogen worden. Einer von ihnen ist in Russland gefallen. Ein Schwager, der seit dem Tod des Schwiegervaters den Hof bewirtschaftete, schlug sich mit dem Beil zwei Zehen ab, um der Einberufung zu entgehen. Auf Desertion und Selbstverstümmelung stand die Todesstrafe.
Da die Familie ##### als „politisch unzuverlässig“ galt, erhielt sie keine Lebensmittelmarken, aber der eingesetzte NS-Bürgermeister Dr. Wilhelm Zielinski steckte ihr solche heimlich zu. Bei den Kontrollen, die strenger als bei anderen Bauern ausfielen, wurden die Lebensmittel im Bett der kranken Mutter versteckt. Schlachttag waren immer dann, wenn der Führer eine seiner endlosen Reden hielt, weil dann alle, die man zu fürchten hatte, vor dem Volksempfänger saßen.
Gegen Ende des Krieges verhalf mein Vater, der sich rühmte, als Soldat nie auf einen Menschen gezielt und nur in die Luft geschossen zu haben, zwei Italienern zur Flucht. Als sich die Wehrmacht im Spätsommer 1944 überstürzt hinter die Siegfriedlinie zurückzog, nutzten dies einige im nahen Weiler Nispert internierte Kriegsgefangene zur Flucht. Zwei von ihnen klopften auf dem einsamen Gehöft an. Ob das Zufall war, oder ob man ihnen einen Tipp gegeben hatte, vermag ich nicht zu sagen. Zuerst wurden sie auf einer kleinen Tenne versteckt. Als nachts deutsche Spähtrupps auftauchten und das Versteck zu gefährlich schien, richtete man ihnen eines in einer dichten Wiesenhecke ein. Beim täglichen „Flattenspreiten“ warf man ihnen Lebensmittel zu. Das gefährliche Versteckspiel dauerte bis die Amerikaner endlich da waren. Als ich ein Junge von sechs oder sieben Jahren war, kam eines Tages eine riesige Holzkiste mit in Spänen verpackten, kostbaren Gläsern ins Haus: ein Dankeschön von einem der beiden Italiener. Jedes Jahr traf pünktlich ein Weihnachtsgruß von Attilio Milicci ein. Ich habe ihn 1976 auf meiner Hochzeitsreise in Messina noch persönlich kennen gelernt.
Im September 1944, da alle Beamten, die nicht mit der Wehrmacht abgezogen waren, der Kollaboration bezichtigt wurden, war ##### einer der wenigen verbliebenen und politisch unbelasteten Amtspersonen. Inzwischen war auch ##### wohl behalten zurück. Er gerierte sich wiederum als väterlicher Freund, sprach mit uns allerdings nur Französisch. Französisch war die Amtssprache, die mein Vater in der Ausübung seines Berufes verwendete. Als Gerichtsvollzieher oblag es ihm u. a. Gerichtsbeschlüsse zuzustellen. Dazu gehörten natürlich auch politische Urteile und Ausbürgerungsbescheide. Als „Überbringer schlechter Nachrichten“ wurde er wiederholt wüst beschimpft. Manchmal musste er sogar Polizeischutz anfordern. Meine Mutter äußerte im hohen Alter einmal, dass ihr Mann daran seelisch zerbrochen sei.
Die Gerichtsakten wurden ihm von Gendarmen überbracht. Anders als die örtlichen Polizisten waren dies Furcht einflößende Gestalten, denen man lieber aus dem Wege ging. Rückblickend würde ich sagen, dass man sie, genau so wie die Zöllner an der Grenze, die allesamt aus dem Landesinneren stammten, als „Besatzungssoldaten“ empfand.
Der tägliche Besuch der Uniformierten mit den hohen Schirmmützen flößte unseren Spielkameraden großen Respekt ein. Wenn es Streit gab, drohten wir ihnen mit „cachot“ (Gefängnis), was sich immer als wirksam erwies. Ich erinnere mich, dass ein- bis zweimal im Jahr zwei Männer mit einer Sammelbüchse vorbeikamen. Wenn ich sie ins Wartezimmer einließ und ihren Besuch meldete, kramte mein Vater aus dem Schrank ein dickes Buch hervor, um es gut sichtbar ins Regal zu stellen. Es trug den Titel: „Le livre d’or de la résistance“. Nachdem die Männer von der „armée blanche“ abgezogen waren, trank mein Vater erleichtert in der Küche einen Kaffee.
Zu Hause wurden – zumindest in Gegenwart der Kinder – politische Fragen nicht erörtert. Nie haben wir irgendwelche Namen fallen hören. Mein Vater verkehrte privat mit allen „Parteien“: Er trank sein Bierchen mit dem allseits gefürchteten Polizeikommissar, der in einem Konzentrationslager gewesen war, genauso so wie dem armamputierten Stalingradkämpfer, der ein „incivique“ war. Er verkehrte sowohl in der Gastwirtschaft eines Unverbesserlichen, der uns Kindern von der Olympiade in Berlin 1936 vorschwärmte, wie in der Kneipe eines jüdischen Wirtes, der knapp dem Holocaust entronnen war.
Die „belgitude“ meiner Eltern äußerte sich nur an kleinen, unmerklichen Details, etwa in der Wahl der Vornamen ihrer Kinder #####, #####, #####, #####. Auch landeten wir alle in der Pfadfinderschaft, die als patriotische Vereinigung galt und sich mehrheitlich aus Sprösslingen gutbürgerlicher, frankophoner Elternhäuser zusammensetzte. Damit waren wir als Probelgier eingestuft. Wir hatten ein Leben lang ein bestimmtes „Etikett“: Noch nach Jahrzehnten vertrauten mir Mitglieder des belgischen Widerstandes einige makabre Geheimnisse aus Kriegs- und Nachkriegszeit an, die ich publizistisch nie genutzt habe, weil ich deren Wahrheitsgehalt nicht mehr überprüfen kann.
Die deutsche Muttersprache hatte damals einen schweren Stand. Einige Lehrer redeten überhaupt kein Deutsch, andere nur ein mangelhaftes, weil sie aus Altbelgien, aus dem Montzener oder Areler Raum, stammten. Bis spät in die 50er-Jahre sprachen alle Lehrer, selbst solche, die aus dem gleichen Eifeldorf kamen, untereinander nur Französisch. Meine Brüder und ich nahmen daran keinen Anstoß, weil wir dieses Rollenspiel von daheim gewohnt waren. Wir empfanden es auch als normal, dass wir mit dem Wechsel von der Volksschule an das Gymnasium von heute auf morgen nur noch in französischer Sprache unterrichtet wurden. Ausgenommen waren davon nur der Deutsch- und der Religionsunterricht.
Am Collège Patronné wurde ich einmal Zeuge eines Vorfalls: Ein Lehrer prügelte wegen einer Bagatelle sinnlos auf einen Klassenkameraden ein. Später erfuhr ich, dass hier offene Rechnungen und eine Familienfehde beglichen wurden. Die allermeisten Lehrer, gerade auch die auswärtigen sprich die wallonischen, verhielten sich untadelig. Die hiesigen Lehrer lavierten irgendwie: Der Musiklehrer beispielsweise übte mit uns sowohl den „Valeureux Liégeois“ wie das doppelsinnige „Die Gedanken sind frei“. Es wäre also falsch zu behaupten, unsere Lehrer hätten alles darangesetzt uns zu „assimilieren“.
Es gab aber Ausnahmen. Ein hiesiger Pädagoge sprach uns bei jeder passenden wie unpassenden Gelegenheit davon, dass alle Deutsche „crétins“ seien. Obwohl es nicht sein Fach war, war die Judenvernichtung im Dritten Reich eines seiner großen Themen. Er redete so hartnäckig auf uns ein, dass wir am Ende glaubten, wir wären mitschuldig, nur weil wir Deutsch sprachen. Er war im Besitz des NS-Films „Eupen-Malmedy ist wieder deutsch“, ein deutscher Propagandastreifen von 1940, den er uns manchmal vorführte. Darin sah man Hitlerjungen, die bei einer Mutprobe vom Dach unserer Schule in die offenen Fangtücher der Feuerwehr sprangen. Bei den Jugendlichen handelte es sich um Väter von Klassenkameraden. Da der Vorführung sogleich ein gewaltiges Strafgericht folgte, sahen sich die Söhne öffentlich an den Pranger gestellt.
Vor allem an den Sonntagen herrschte eine tödliche Langeweile. Sonn- und Feiertage waren wie ein Uhrwerk nach den Gottesdiensten geregelt. Neben den Kindermessen am Morgen kamen nachmittags die Andachten hinzu. Die Geistlichkeit hatte in der Nachkriegszeit immer volles Haus. In einer Zeit, wo die angestammte Kultur an den Rand gedrängt wurde, bot die Kirche den Menschen so etwas wie Heimat. Die weltanschauliche Spaltung zwischen Gläubigen und Ungläubigen (de facto eine verschwindende Minderheit) habe ich sehr viel stärker empfunden als die sprachliche und kulturelle.
Unter dem Deckel, den die Kirche allen Eingeborenen übergestülpt hatte, gärte es in jenen Jahren. Besonders an Karneval oder auch bei Sportveranstaltungen verschaffte sich die Volksseele etwas Luft. Auf den Fußballrasen wurden die Kicker der AS Eupen von „Supportern“ auswärtiger Mannschaften durchweg als „sales boches“ beschimpft, was mit wütenden Beschimpfungen des „welschen Kraus“ quittiert wurde. Ein anderes Ventil war der Karneval: Exponierte Persönlichkeiten waren gut beraten an Fettdonnerstag das Haus zu hüten, weil dann vermummte Gestalten durch Straßen und Kneipen huschten, die im Schutze ihrer Masken den Zeitgenossen ungeniert „de worret“ (die Wahrheit) sagten. Ich erinnere mich an eine hässliche Szene im Café Kirfel, in dem damals die örtliche „haute volée“ verkehrte. Ein verschleiertes Domino hielt einem verdatterten Mann sein politisches Sündenregister vor, sodass er fluchtartig das Lokal verließ.
Die Grenze nach Deutschland war von den belgischen Behörden fast so hermetisch abgeriegelt wie später die Zonengrenze durch die DDR. Am Grenzübergang gab es ähnlich komplizierte Prozeduren zu bewältigen. Wenn wir danach mit Schokolade, Butter und Kaffee bei unseren deutschen Verwandten und Bekannten eintrafen, wurden wir wie reiche Vettern aus Amerika empfangen. Mehr als alle patriotischen Vorträge im Geschichts- und Geographieunterricht weckte das so etwas wie Stolz auf unseren belgischen Pass.