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Zeitzeugen
Diese Seite widme ich ausschließlich meinem Opa, mit dem ich liebend gerne über die Geschehnisse des Zweiten Weltkrieges und insbesondere seine Zeit als Dolmetscher bei der Résistance sowie politischer Gefangener im Kamp Beverlo gesprochen hätte.
Leider verstarb mein Opa im Jahre 1999 an einer unheilbaren Krankheit, zu einer Zeit, in der ich mich noch nicht für die Ge- schichte des Zweiten Weltkrieges interessierte.
Zu gerne hätte mein Opa in der Familie mit jemanden sprechen wollen, für den der Zweite Weltkrieg ein Begriff war, vielmehr was bedeutete, zu gerne hätte mein Opa seine Reisen nach Verdun, Rouen, Caen, Sainte Mère Eglise (um nur einige wenige Orte zu zitieren) mit Leuten seinesgleichen antreten wollen, nur leider interessierte dies keinen, nun ja, heute hätte er gewiss jemanden für diese ehrenwerten Aufgaben gefunden.
Zur Person: mein Opa wurde am 28. September 1922 in Mem- bach (Belgien) als Sohn eines einfachen Textilarbeiters geboren. Er verstarb im Dezember 1999 an Lungenkrebs. Über seine Zeit als Membacher Widerständler und politischer Kriegsgefangener im Zweiten Weltkrieg ist er nie hinweggekommen, doch nach vierzig Jahren fanden sie sich wieder: der belgische Gefangene und sein deutscher Bewacher...
Nicht viel weiß ich von meinem Opa aus der Zeit von 39/45, aber die Geschichte von Herrn Bolldorf, unzählige Male haben meine Eltern mir diese schon erzählt.
Wir schreiben das Jahr 1944, genauer gesagt den 1. September 1944. Während am 25. August De Gaulle in Paris einmarschiert und die Alliierten die Seine überschreiten, ist die Befreiung von Brüssel nach dem britischen Durchbuch in Richtung Antwerpen nur noch eine Frage von Tagen. Doch für die zwölftausend politischen Gefangenen im Kamp Beverlo, eine Autostunde weiter ostwärts, am Albertkanal, geht der Alltag erbarmungslos weiter: die hygie- nischen Verhältnisse sind katastrophal, Schläge u. Demütigungen des Wachpersonals sind an der Tagesordnung. Dem Gefangenen mit der Nummer 6116 geht's da wohl nicht besser als seinen Leidensgenossen. Noch ahnt er nicht, dass der 1. September ihm den Glauben an die Menschlichkeit wiederbringen wird...
Es kommt ein deutscher Hilfswärter in die Baracke, ein blutjunger Deutscher in Matrosenuniform. "Heinrich Bolldorf" soll er heißen. "Ich muss hier eine Disziplinarstrafe absitzen und in der Lagerver- waltung aushelfen", sagt er. "Der ist nicht wie die anderen", denkt Nummer 6116. Und wirklich: kurze Zeit später schleppt H. Bolldorf einen Eimer Wasser heran und Brot, das er in der Lagerküche organisiert hat. Ganze vier Tage versuchte H. Bolldorf so, die Not seiner belgischen Kameraden zu lindern. Am Abend des 4. Sep- tember betritt H. Bolldorf dann zum letzten Mal den Häftlingsraum, in voller Kampfausrüstung, mit Gewehr und Handgranaten. Zwei dieser Stielhandgranaten gibt H. Bolldorf dem Gefangenen mit der Nummer 6116. Er sagt nur: "Die kannst du bald brauchen. Morgen bist du frei. Auf Wiedersehen, meine Freunde!".
Joseph Beckers
Der politische Gefangene mit der Nummer 6116, von dem die Rede ist, das war mein Opa, Opa Beckers. Da mein Opa der Zwangseinziehung in die deutsche Wehrmacht nicht hat folgen wollen, er in den Ardennen untertauchte und er dort als Dol- metscher bei der Résistance tätig war, schnappte ihn am 10. Juni 1944, vier Tage nach der Landung der Alliierten in der Normandie, die deutsche Polizei. Das Lütticher Kriegsgericht sprach sein Urteil, Joseph Beckers kam nach Beverlo.
Vierzig Jahre danach, fast auf den Tag genau, standen sich der deutsche Heinrich und der belgische Joseph wieder gegenüber. Grund genug für Joseph, sich mit Reisfladen und Wein für Brot und Wasser bei Heinrich zu revanchieren. "La guerre, une grande malheur", sagte Heinrich, und schon schwelgten sie wieder in Er- innerungen...
In Liebe,
dein Enkel
Hintergrund: Deutsche Westfront 1944/1945, Abb.: Gegenoffensive 43/45
Kamp von Beverlo, Abb.: "Rue du Camp de Cavalerie"
Kamp von Beverlo vor der Bombardierung von Mai '44
Beverlo nach seiner Bombardierung, von der Südstraße aus gesehen